Contributions to the Third Issue:

Abstracts:

The history of Rilke reception in the Anglophone context has been rich and formidable, rendering him one of the most influential poets – or perhaps even the most influential poet – of the German language in the English-speaking world. This article examines, compares and contrasts a number of English language translations of Rilke's poem “Die Rosenschale” (“The Bowl of Roses”, first published in New Poems in 1907), focusing on translation strategies, the question of the translatability of Rilke's poetry as well as poetic and cultural aspects in Anglophone Rilke translations. In doing so, I analyse the implications and connotations that English language translators of Rilke have used to augment or interpret Rilke's poetry in their versions of “Die Rosenschale” by comparing five different translations of the poem: J.B. Leishman's 1964 version, Stephen Cohn's translation from 1992, William H. Gass's as well as Galway Kinell and Hannah Liebman's versions (both from 1999) and Anita Barrows and Joanna Macy's 2009 translation. I thus explore to what extent 20th and 21st century translations of Rilke's poetry have contributed to creating an 'English Rilke' or 'English Rilkes', respectively; a question that was recently raised by critics such as Karen Leeder and Kathleen L. Komar. In conclusion, I address in what sense this 'English Rilke' relates to or differs from the image of Rilke in the German context.

Die Geschichte der Rilke-Rezeption im anglophonen Kontext ist reichhaltig und eindrucksvoll und hat den Lyriker zu einem der einflussreichsten, womöglich sogar den einflussreichsten, Dichter der deutschen Sprache im englischsprachigen Raum gemacht. Der vorliegende Artikel untersucht und vergleicht eine Reihe von Übersetzungen von Rilkes Gedicht „Die Rosenschale“ (erstmalig veröffentlicht in Neue Gedichte, 1907), wobei im Besonderen auf Übersetzungsstrategien, die Frage der Übersetzbarkeit von Rilkes Dichtung sowie poetische und kulturelle Aspekte in englischsprachigen Rilke-Übersetzungen eingegangen wird. Die Analyse, die sich auf J.B. Leishmans Version von 1964, Stephen Cohns Übersetzung von 1992, William H. Gass' sowie Galway Kinneys und Hannah Liebmans Versionen (beide erstmals 1999 veröffentlicht) und Anita Barrows' und Joana Macys Übersetzung von 2009 stützt, behandelt zudem implizite Bedeutungen, Konnotationen und Interpretationen, die die englischsprachigen Übersetzter in ihren Versionen von „Die Rosenschale“ dem Gedicht beigefügt haben. Dadurch wird erforscht, inwiefern Übersetzungen von Rilkes Dichtung dazu beigetragen haben, einen ‚englischen Rilke’ (oder mehrere) zu erschaffen, eine Frage, die unlängst von Karen Leeder und Kathleen L. Komar aufgebracht wurde. Abschließend wird untersucht, in welchem Maße der ‚englische Rilke’ sich vom Bild Rilkes im deutschen Raum unterscheidet.

This paper analyzes the experiences of presence of the protagonists in Hugo von Hofmannsthal‘s short novel Das Märchen der 672. Nacht (1895) and James Joyce‘s short novel The Dead (1914). These experiences lead the protagonists – this is my main point – to a sudden reflection of their life. The two fictional texts mainly try to undermine the concept of linear intervals of time. Strategies of breaks, extensions, slowing down or highlighting several sequences allow for a new experience of time. Important are moments that combine present and past: During the experience of presence things of the past become re-present. These special moments go against chronological and mechanical time, and they moreover have the quality of a deep experience of presence. How they can exist in secular modernity and in which way the presence of transcendence, which was once understood as a religious act, transforms into the field of aesthetics – that maybe means that presence only exists through it‘s own absence – are questions the following article deals with. Important for the analysis of the two literary texts are the theories about time by Karl Heinz Bohrer and Hans Ulrich Gumbrecht. With the help of these theories the article analyzes the structures of the literary texts that provide the frame that the moments of presence try to break up. The moments of presence are still dependent on this frame, and the texts’ shapes are sustained do not get lost.

Der vorliegende Beitrag untersucht Hugo von Hofmannsthals Das Märchen der 672. Nacht (1895) und James Joyces The Dead (1914) im Hinblick auf das Präsenzerleben der Protagonisten. Dieses Erleben zwingt die Figuren, so die Hypothese, zu einer plötzlichen Reflexion auf ihr Leben. Den beiden Texten geht es vor allem darum, die traditionellen Vorstellungen linearer Zeitabfolge zu unterminieren. Durch Strategien der Zäsur, der Dehnung und Verlangsamung und des Hervorhebens einzelner Handlungssequenzen wird eine neuartige und besondere Zeiterfahrung möglich. Zentral sind hier Momente des Ineinanderschiebens der zwei Zeitebenen von Gegenwart und Vergangenheit: Im Präsenzerlebnis wird Vergangenes – oftmals in starken Blickwechseln – re-präsent. Die speziellen Augenblicke behaupten sich also nicht nur gegen den Takt der chronologischen bzw. mechanischen Zeit, ihnen wohnt überdies die Qualität einer Präsenzerfahrung inne. Inwiefern es diese in der säkularisierten Moderne noch geben kann und inwieweit sich das einst religiös verstandene Aufscheinen von Transzendenz ins Ästhetische verlagert und dabei letztlich Präsenz nur im Modus ihrer Absenz zum Ausdruck kommt, wird im folgenden Beitrag untersucht. Für die Analyse der beiden literarischen Texte werden Karl Heinz Bohrers und Hans Ulrich Gumbrechts Thesen zur Zeitlichkeit produktiv gemacht. Der Aufsatz wird anhand dieser Thesen in den literarischen Texten auch die Strukturen untersuchen, welche das kontinuierlich zu denkende Gerüst dafür bilden, dass die Augenblicks- und Präsenzerlebnisse der Figuren dieses Gerüst dann wiederum aufbrechen, ohne dass der Text dabei seine Konturen gänzlich verliert. Nur mit Blick auf die Rahmung der Re-Präsenzerlebnisse lässt sich deren Funktion erfassen.

The Adventures of Elizabeth in Rugen wird 1904 unter dem Pseudonym by the author of Elizabeth and her German Garden veröffentlicht. Der Roman, in seiner Struktur getarnt als Reiseführer für die norddeutsche Insel, verhandelt dabei unter anderem die Rebellion der britischen Protagonistin Elizabeth gegen gesellschaftliche Konventionen. In dem Aufsatz wird gezeigt, dass Elizabeth, die auch Erzählerin des Romans ist, eben diese verhassten Konventionen in ihrem Verhalten jedoch kontinuierlich bedient. Untersuchungsgegenstand des Aufsatzes ist der Zusammenhang zwischen dem Reisemotiv, den Reisebegegnungen und Elizabeths Identität. Im Fokus steht die innere Dynamik der Figur. Dabei wird verdeutlicht, dass Elizabeth im Streit mit ihrer offen feministischen Cousine Charlotte Teile eines inneren Konfliktes externalisiert. Ihre Magd Gertrud hingegen scheint als Spiegelfigur für die stereotyp weiblichen Eigenschaften, die Elizabeth ebenfalls bedient, konzipiert zu sein. In Elizabeths Verhalten und in ihrer Erzählung entsteht ein Spiel mit Performativität, eine Subversion der Konvention, die Elizabeth teils unbewusst lebt, teils bewusst steuert. Das Genre des Reiseromans scheint für das Spiel mit Konvention und Subversion und die Verhandlung von (weiblicher) Identität in besonderem Maße geeignet. In der Begegnung von Elizabeth und Charlotte treffen zwei Kulturtransferantinnen aufeinander. Die Verbindung des Kulturtransfers mit der Auseinandersetzung mit Identität ist Teil der Analyse.

The Adventure of Elizabeth on Rugen, published in 1904 by the author of Elizabeth and her German Garden, is presented as a guide to the German island of Rügen. While claiming to be a guide, the novel deals with the identity of the protagonist. Although Elizabeth rebels against the social conventions, she stays close to them and displays ambivalent behaviour. The essay aims to show the link between the travel theme, the encounter she has and her female identity. In the struggle with her cousin Charlotte Elizabeth externalises parts of her inner conflict. Her maid, Getrud, however, reflects her stereotypical female character traits. The novel deals with the performativity of female identity and the subversion of convention. Dealing with identity seems to be part of the cultural transfer that comes with the trip to Rügen.